Im Porträt: André Nendza
Der Bassist und Komponist André Nendza (http://www.andre-nendza.de), gehört durch seine kontinuierliche Arbeit sowohl mit einer Vielzahl eigener Projekte (André Nendza’s A.tronic, Duo mit Angelika Niescier, André Nendza Quartett, Lemke-Nendza-Hillmann) als auch als gefragter Sideman (u.a. Philipp van Endert Trio, Christoph Spendel Trio, Olaf Kübler Quartett) zu den profiliertesten Musikern der deutschen Musikszene.
Nendza studierte an der Hochschule der Künste, Hilversum (NL) und an der Jazzabteilung der Musikhochschule Köln (Diplom 1997).
Der Bassist arbeitete live und/oder im Studio mit Musikern wie Dave Liebman, Kenny Wheeler, Rick Margitza, Paolo Fresu, Dominique Pifarély, Charlie Mariano, Adrian Mears, Dave Pike, Rob van den Broeck, Marc Bassey, Rudi Mahall, Eivind Aarset, Gabriele Hasler, Céline Rudolph, Thomas Heberer, Pablo Held, Michael Küttner, Frank Haunschild, Tom van der Geld, Florian Ross, DJ Illvibe, Ramesh Shotham, Jasper Blom, Zoltan Lantos, Michal Cohen.
Nendzas Bassspiel ist auf über 50 Tonträgern (davon 12 unter eigenem Namen) sowie im Rahmen diverser Rundfunk- und TV-Mitschnitte dokumentiert worden. Unter dem Namen „Crecycle. Music“ gründete er im Jahr 2000 eine eigene Edition, in deren Rahmen in Zusammenarbeit mit „Jazzsick records“ seine Aufnahmen veröffentlicht werden.
André Nendza hat unzählige Konzerte im In- und Ausland gegeben. So spielte er bei den Leverkusener Jazztagen, Jazzfest Berlin, Jazzfestival Viersen, Jazzrally Düsseldorf, Jazz in Eberswalde, Ingolstädter Jazztage, Jazzfestival Saarbrücken, Jazztage Greiz, Jazzfrühling Kempten, Hildener Jazztage, Festival „Sax-No end“ im Stadtgarten Köln, Jazzfestival Stuttgart, Festival Besançon (F) und dem Jazzfestival The Hague (NL). 1997 wurde Nendza dann mit dem Kulturförderpreis der Sparkassenstiftung NRW ausgezeichnet. 2009 konnte sich das Duo Angelika Niescier & André Nendza für das Finale des “Neuen Deutschen Jazzpreises” qualifizieren. Seit 2007 schreibt Nendza regelmäßig für „Blogthing“, den online-Blog der Zeitschrift „Jazzthing“.
André Nendza ist auch als Pädagoge präsent: so leitet er seit 1997 das „Vorstudium Jazz“ der Kölner „Offenen Jazz Haus Schule“, Köln. Darüber hinaus unterrichtete Nendza als Gastdozent an den Musikhochschulen Frankfurt und Dresden sowie an der „Summer Jazz School“ in Edinburgh. Ferner gehört er zum festen Dozententeam des Kurses “jazzemble” in der Akademie Remscheid.
Hier ein kleiner Videobeitrag zu Nendza’s Tätigkeit als Dozent an der Akademie Remscheid. Film ab:
Exklusives Geständnis für Jazzmogul: Manchmal höre ich Nachts nach Konzerten auf dem Heimweg im Autoradio WDR4. Das meiste, was ich da zu hören bekomme, ist endlos gruselig. Aber ab und an kommt beispielsweise ein schöner französischer Chanson oder etwas von Esther Ofarim und macht mich dann etwas rührseelig. Natürlich wäre es schmerzfreier, diese schönen Stücke auf eine CD zu brennen und sich die Welt des musikalischen Schmerzes zu ersparen.
Jazzmogul: Welches Jazz-Album, außer deine eigenen, hast du dir zuletzt in deiner Freizeit angehört und warum?
André Nendza:
Im Moment hat es mir eine CD von Julian Arguelles auf dem Label “clean feed” besonders angetan. Sie heisst “Ground Rush” und es wirken neben dem britischen Saxophonisten auch noch Michael Formanek am Bass und Tom Rainey am Schlagzeug mit. Erworben habe ich die CD in einen kleinen, feinen Jazz-CD-Laden in Freiburg, der auch und wahrscheinlich vor allem Weine verkauft. Neben den tollen Kompositionen und dem gelungenen Sound mag ich hier vor allem die fliessenden Übergänge zwischen offener, freier Improvisation und formalen Teilen.
Dann bin ich auf der diesjährigen “Jazzahead” in Bremen in einen Pirouet-Rausch geraten. Will sagen: Ich habe verschiedenste CDs dieses Labels erworben und geniesse diese ungemein. Besonders angetan hat es mir die neue von Jochen Rückert und hier besonders seine Version des Depeche-Mode-Klassikers “To have and to hold”.
Die dritte Hör-Baustelle hängt mit dem Bassisten Drew Gress zusammen. Irgendwann hatte ich festgestellt, das dieser auf unheimlich vielen Alben, die ich mag, bassenderweise mitwirkt. Und da hat es mich interessiert, wie seine eigenen Alben klingen. Hier konnte ich feststellen, das Drew nicht nur grandios Bass spielt sondern auch sehr gut schreibt und zudem geschickt seine Bands zusammen stellt.
Jazzmogul: Was bedeutet es für dich Jazz-Musiker zu sein?
André Nendza:
Ich bin zunächst einmal schwankend, ob ich mich per se als Jazzmusiker definiere. Vieles von dem was ich tue, hat mit der Klangwelt und dem Geist des Jazz zu tun. Anderes wie z.B. bestimmte Haltungen zum Publikum, die Weinerlichkeit mancher Protagonisten und eine bestimmte Art von Purismus sind mir bis heute fremd geblieben. Auch interessiert mich von Pop über Folklore bis Klassik vieles an Musik, was über die Begrifflichkeit des Jazz hinaus geht und sicher Einflüsse auf meine Art von Musik oder meine Art von Jazz hat. Das für mich bedeutsamste in meinem Tun als Musiker ist die fortwährende Beschäftigung mit kreativen Prozessen. Das schließt übrigens neben dem Komponieren und dem Entwickeln von Musik in Ensembles auch das Unterrichten mit ein. Darüber hinaus ist dieser Beruf unvorstellbar abwechslungsreich. Mal ist man auf Konzertreise, dann gibt man einen Workshop oder man legt eine Kompositionsphase ein. Das Üben ist ständiger Begleiter, man schreibt – wie in meinen Fall – Blogtexte für Jazzthing, man macht eine Photosession, dreht auch mal ein Video oder gibt Interviews.
Jazzmogul: Was wünschst du dir für die deutsche Jazzszene?
André Nendza:
Zunächst einmal sollten wir über die vielfältige deutsche Jazzszene froh sein. Nicht nur in den großen Städten passiert vieles an gelebter Musik. Diese enorme Vielfalt macht es manchmal schwer den Überblick zu behalten. Unlängst musste ich in einem Interview mit Manfred Schoof, den ich übrigens sehr schätze und dessen Verdienste um „unsere“ Musik immens sind, lesen, das er keine Musiker mehr mit dem Streben nach einem eigenen Sound hören würde. Ich halte das für falsch. Vielmehr sehe ich unzählige Musiker mit einem Drang nach individuellem Ausdruck. Das kann in dieser enormen Diversität der heutigen Szene nicht mehr das Alleinstellungsmerkmal eines Coltrane, Armstrong oder Parker haben. Aber jeder hat doch seine individuelle Mischung von kreativer Verarbeitung seiner unterschiedlichen Einflüsse in die Waagschale zu werfen. Ansonsten sind in den letzten Jahren viele Versuche unternommen, die kulturpolitischen Kräfte zu bündeln. Der Erfolg der Jazzahead sei hier exemplarisch genannt. Manchmal würde ich mir, neben der Förderung von Leuchtturm-Projekten und Festivals, eine stärkere Unterstützung von kleinen und kleinsten Spielorten – auch in der so genannten Provinz – wünschen. Denn diese sind unerlässlich, um musikalische Projekte am spielen zu halten. Unser Projekt „Lemke-Nendza-Hillmann“ spielt beispielsweise an jeder Steckdose, weil wir glauben, so unsere Musik zu verfeinern und gleichzeitig einen Stamm an Publikum auf zu bauen. Das funktioniert aber nur, weil wir erstens als Trio eine Kleinstformation sind und zweitens ein Kollektiv, das finanzielle Unzulänglichkeiten gemeinsam trägt. Mit anderen meiner Formationen könnte ich mir das nicht leisten.
Jazzmogul: Wo siehst du dich in 5 Jahren?
André Nendza:
Ich möchte das breite Spektrum an verschiedenen Tätigkeiten, welches ich im Moment betreibe, auf immer höherem Niveau und mit größerem Fokus weiter verfolgen. Dabei möchte ich gleichsam Kontinuität und Überraschungsgeist beibehalten.
Jazzmogul: In welcher Traumformation oder mit welchen Künstlern würdest Du gerne einmal ein Konzert spielen?
André Nendza:
Die Musiker, mit denen ich arbeite, sind meine Traumbesetzung. Wir halten uns, trotz unserer Macken, meist schon ziemlich lange die Treue und erfreuen uns an unserer Entwicklung. Natürlich gibt es noch weitere unterschiedlichste Künstler, mit denen ich gerne Projekte realisieren möchte. Dabei geht es mir mittlerweile weniger um das im Jazz, der sich ja stark über Persönlichkeiten definiert, übliche und legitime name-dropping. Vielmehr sind kontinuierliche Begegnungen mit Musiker wie Dominique Pifarély oder Rick Margitza eine große Inspiration. Außerdem würde ich gerne wieder mit Singer/Songwritern zusammen arbeiten. Mein Geschmacksspektrum geht da von Katharina Frank bis Klaus Hoffmann. Ein wirklich großer Traum, den ich eines Tages verwirklichen möchte, ist eine Aufnahme im New Yorker „Avatar-Studio“. Hier würde ich gerne beispielsweise mit meinem Quintett und weiteren Gästen arbeiten. Primär, weil ich die Aufnahmen aus diesem Studio klanglich einfach grandios finde. Das Ganze wäre ein finanzielles und logistisches Großprojekt und ist dennoch nicht völlig unrealistisch. Vielleicht, siehe oben, in fünf Jahren.
Jazzmogul: Erzähl uns was über deine aktuellen Projekte.
André Nendza:
Im Herbst erscheint meine neue CD “Rooms restored“ auf unserem Label „Jazzsick records“. Nachdem ich in den vergangenen Jahren einerseits mit Angelika Niescier und dem Streichquartett kaj:kaj: an der Grenze zur Kammermusik gearbeitet habe und andererseits mit meiner Band A.tronic die songartige CD “Spectacles“ erschienen ist, geht dieses neue Album wieder verstärkt in Richtung akustischer Jazz. Die „alte“ Besetzung meines Quartetts mit Claudius Valk, Hendrik Soll, Christoph Hillmann und mir wurde hierfür um den Hamburger Trompeter Stephan Meinberg erweitert. Ich hoffe, mit dieser Band wieder verstärkt auftreten zu können. Im Grunde ist dieses Projekt der Kern von all den Dingen, die ich so betreibe. Darüber hinaus ist das bereits erwähnte Kollektiv „Lemke-Nendza-Hillmann“ ein für mich sehr wichtiger Dauerbrenner mit einer eigenen Klangsprache zwischen Jazz und Weltmusik. Hier werden wir in diesem Jahr unsere vierte CD, welche übrigens wieder eine reine Trio-CD sein wird, vorbereiten und diese dann Anfang 2012 aufnehmen. Außerdem gibt es im Herbst einiges an Konzerten mit unterschiedlichsten Projekten. All das kann man auf meiner homepage relativ aktuell nach lesen.
Zu allererst steht allerdings unser sehr intensive Sommerkurs „Jazzemble“ in der Akademie Remscheid an. Und dann beginnt im September zum mittlerweile 14ten mal ein neuer Jahrgang des „Vorstudium Jazz“ an der „Offenen Jazzhausschule“. Also, wie meistens: viel Arbeit und viel Spaß.
Neben meiner Arbeit als Musiker und Dozent schreibe ich seit einigen Jahren Texte für den Blog der Zeitschrift Jazzthing. Das macht mir sehr viel Freude und hat mittlerweile zu dem Soloprogramm “Bass & Blogs” geführt, bei dem ich sehr ernsthaft Bass spiele und sehr amüsante Blogtexte vorlese. Oder auch umgekehrt.
Jazzmogul: Lieber André Nendza, wir danken dir für dieses sehr ausführliche und interessante Gespräch.





2 Kommentare
Muss nochmal loswerden dass dies ein großartiges Porträt ist, kann ich nur weiterempfehlen. Ihr werdet euren Spaß beim reinschnuppern haben;)
Das freut uns sehr und ich denke auch André Nendza!